Sie wissen, was das heißt: Warten.
uns kalte Füße, auf dem
Finanzamt schlechte Laune. Auf dem
Arbeitsamt wartet man als Nummer,
beim Arzt als Patient, in der Bank
auf Kontoauszüge. In der Schule
wartet man auf’s Ende der Stunde,
im Stau darauf, dass es weitergeht.
Bei der Predigt wartet man darauf,
dass der Pastor bald wieder fertig ist.
Irgendwie habe ich das Gefühl, dass
Warten ein notwendiges Übel ist und
nicht allzu beliebt. Man wartet eben.
Wer wartet, muss Zeit hergeben. Wer
tut das gern, wenn er nur wenig davon
hat?
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Am liebsten ist es uns, wenn wir die
Zeit des Wartens ausfüllen können: mit Musik, Lesen, mit Beschäftigung. Einfach nur warten? Die Zeit verstreichen lassen – ungenutzt!? Unsere Zeit ist eilige Zeit. Wer wartet, setzt sich dem Verdacht aus, er habe nichts Besseres zu tun. Wer nicht warten kann, versteht nicht, die Zeit kommen zu lassen., versteht nicht, die Zeit des Wartens mit Erwartung zu füllen.
Der Geist des Herrn ließ sein Volk
zur Ruhe kommen, wie das Vieh, das ins Tal hinab zieht. So führtest du einst dein Volk, um dir herrlichen Ruhm zu verschaffen. Blick vom Himmel herab, und sieh her von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo sind dein leidenschaftlicher Eifer und deine Macht, dein großes Mit-leid und dein Erbarmen? Halte dich nicht von uns fern! Warum lässt du uns, Herr, von deinen Wegen abirren und machst unser Herz hart, so dass wir dich nicht mehr fürchten? Kehre zurück um deiner Menschen willen. Reiß doch den Himmel auf und komm herab, so dass die Berge zittern vor dir. Komm wie ein Feuer, das Reisig entzündet, wie ein Feuer, das Wasser zum Sieden bringt. Seit Menschengedenken hat man noch nie vernommen, kein Ohr hat gehört, kein Auge gesehen, dass es einen Gott gibt außer dir, der denen Gutes tut, die auf ihn hoffen. Jesaja 63,14ff.
Es gibt solche Zeiten, in denen wir
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Der Tempel ist zerstört – das Heiligtum der Juden von fremden Truppen geschändet. Die Menschen ins Ausland verschleppt. Hunger herrscht. Die Glaubenden wenden sich von Gott ab. Für Jesaja ist dies eine Zeit, in der das Warten schwer fällt, das Warten auf einen Gott, der den Himmel aufreißt und herab fährt und alles wieder in Ordnung bringt. Warten wird zur Belastung. Wo ist dein Eifer, Gott? Wo deine Macht, dein Mitleid? Warum lässt du uns von deinen Wegen abirren? Jesaja sieht die Menschen seines Volkes eigene Wege ohne Gott gehen. Jesaja verzweifelt fast daran, dass Gott die Menschen gehen lässt, wie sie es entscheiden. Kehre zurück Gott. Du bist doch unser Vater, der Erlöser. Gott greift nicht ein, kommt nicht, wenn er kommen sollte. Warten wird zur Qual. Die offene Zukunft wird zur Zumutung ... wird zur Last. Die Freiheit, eigene Wege gehen zu können, wird fast unerträglich. Vor 20 Jahren fiel in Deutschland die Mauer durch eine friedliche Revolution. Und plötzlich wurde uns von Gott ein ungeheures Geschenk „zugemutet“: eine offene Zukunft, die sich den Planungskommissionen des Politbüros entzog. Wir entdeckten im Osten unsere Freiheit neu. 20 Jahre später erleben wir Wirtschaftskrise und hoffen auf ein Ende der Probleme, doch viele verlieren ihren Arbeitsplatz. Wir sind gezwungen abzuwarten. Vielleicht sind wir Mecklenburger als abwartende Menschen für das Warten gut eingerichtet. Warum ist Warten so wesentlich? Warten hat mit dem Sich-einlassen auf eine offene Zukunft zu tun, die frei ist von dem, was ich planen und in Termine fassen kann. Und wenn wir auf Gott warten, darauf, dass er in unserem Leben wirkt, werden wir frei von dem, was andere Menschen für uns planen. Kann man nicht sogar sagen: Das Warten auf Gott macht unabhängiger von den Menschen? Unabhängigkeit ist für viele gefährlich. Strukturen der Macht sind auf Abhängigkeit aufgebaut. Unabhängige Menschen laufen der Macht zuwider. Der Kardinal in der Erzählung "Der Großinquisitor" von Fjodor Dostojewski (5. Buch, 5. Kapitel in "Die Brüder Karamasow") beschreibt zutreffend, was geschieht, wenn Menschen ihre Freiheit des Glaubens aufgeben und sie opfern: Sie werden zu Gefangenen ihrer Bedürfnisse und Wünsche, ihrer Pläne und Vorhaben. Indem sie die Zukunft vollkommen damit ausfüllen. Wo diese Zukunft aber nicht mehr offen ist, werden Menschen leichter lenkbar. Von daher ist der Wunsch des Inquisitors, „ER möge nicht kommen“, nur verständlich. Als Mann der Macht erhofft er sich die Zukunft anderer planen und regieren zu können. Die Erzählung endet damit, dass der gefangene Christus aus der Zelle geht: Der Christus entzieht sich der Macht, die nicht auf Gott warten will. Und die Wartenden treffen auf Gott. Ich wünsche Ihnen Stunden des Wartens, die erfüllt sind von der Hoffnung, dass Gott eintreten wird. Gott, der unsere Zukunft offen lässt und uns die Freiheit eigener Wege schenkt.
Herzliche Grüße von Ihrem Pastor |
