Sie wissen, was das heißt: Warten.

Auf dem Bahnhof verschafft es
uns kalte Füße, auf dem
Finanzamt schlechte Laune. Auf dem
Arbeitsamt wartet man als Nummer,
beim Arzt als Patient, in der Bank
auf Kontoauszüge. In der Schule
wartet man auf’s Ende der Stunde,
im Stau darauf, dass es weitergeht.
Bei der Predigt wartet man darauf,
dass der Pastor bald wieder fertig ist.

Irgendwie habe ich das Gefühl, dass
Warten ein notwendiges Übel ist und
nicht allzu beliebt. Man wartet eben.

Wer wartet, muss Zeit hergeben. Wer
tut das gern, wenn er nur wenig davon
hat?

 

Am liebsten ist es uns, wenn wir die
Zeit des Wartens ausfüllen können:
mit Musik, Lesen, mit Beschäftigung.

Einfach nur warten? Die Zeit verstreichen
lassen – ungenutzt!?

Unsere Zeit ist eilige Zeit. Wer wartet,
setzt sich dem Verdacht aus, er
habe nichts Besseres zu tun.

Wer nicht warten kann, versteht
nicht, die Zeit kommen zu lassen.,
versteht nicht, die Zeit des Wartens
mit Erwartung zu füllen.


Am ehesten können wir das wohl
von Kindern lernen, die Weihnachten
mit großen Erwartungen entgegensehen.
Das verliert sich später. Allenfalls
finden sich am Heiligen Abend einige
besinnliche Stunden, die im Alltag
wieder vergessen sind.

Lebt unsere Zeit zu sehr von der Hand
in den Mund, zu sehr von Minute zu
Minute?

In Tansania gibt es einen Spruch: Pole
pole! Es wird schon! Immer mit der
Ruhe. Bleib gelassen. Die Menschen
dort haben mit Warten keine Probleme.

Wie geht´s Ihnen mit dem WARTEN?

Seit alter Zeit warten glaubende Menschen
darauf, dass Gott in ihr Leben
tritt, hoffen sie, glauben sie, erwarten
sie Hilfe, Beistand, Zuwendung Gottes.
So gaben sie dem Kirchenjahr bestimmte
Zeiten, in denen das Warten zum
Thema wurde: die Zeit des Advents gehört
dazu. Advent. Die Ankunft Gottes,
die man sich erhofft. Zeiten dieses Wartens
wurden immer mit besonderen
"Aktionen" versehen. Es gab Fastenessen
– kein Fleisch. Man verzichtete, um
sich auf Gottes Kommen vorzubereiten.
Manche deckten einen besonderen Platz
am Tisch, für den, der kommen sollte,
einen Platz, der beim Essen frei blieb
und darauf hinwies: Es kommt noch
einer. Man übte das Warten ein.


In die Zeit des Advents gehört auch
der folgende Bibeltext:

 

Der Geist des Herrn ließ sein Volk
zur Ruhe kommen, wie das Vieh,
das ins Tal hinab zieht. So führtest
du einst dein Volk, um dir
herrlichen Ruhm zu verschaffen.
Blick vom Himmel herab, und sieh
her von deiner heiligen, herrlichen
Wohnung!
Wo sind dein leidenschaftlicher
Eifer und deine Macht, dein
großes Mit-leid und dein
Erbarmen? Halte dich nicht von
uns fern!
Warum lässt du uns, Herr, von deinen
Wegen abirren und machst
unser Herz hart, so dass wir dich
nicht mehr fürchten? Kehre
zurück um deiner Menschen
willen.
Reiß doch den Himmel auf und
komm herab, so dass die Berge
zittern vor dir.
Komm wie ein Feuer, das Reisig
entzündet, wie ein Feuer, das
Wasser zum Sieden bringt.
Seit Menschengedenken hat man
noch nie vernommen, kein Ohr
hat gehört, kein Auge gesehen,
dass es einen Gott gibt außer dir,
der denen Gutes tut, die auf ihn
hoffen.
Jesaja 63,14ff.

 

Es gibt solche Zeiten, in denen wir
das Warten verkürzen möchten,
Zeiten, die wir nicht ertragen. Jesaja
spricht vor über 2500 Jahren von solchen
Zeiten der Not, des Elends:


Der Tempel ist zerstört – das Heiligtum
der Juden von fremden Truppen geschändet.
Die Menschen ins Ausland
verschleppt. Hunger herrscht. Die Glaubenden
wenden sich von Gott ab. Für
Jesaja ist dies eine Zeit, in der das Warten
schwer fällt, das Warten auf einen
Gott, der den Himmel aufreißt und
herab fährt und alles wieder in Ordnung
bringt. Warten wird zur Belastung. Wo
ist dein Eifer, Gott? Wo deine Macht,
dein Mitleid? Warum lässt du uns von
deinen Wegen abirren? Jesaja sieht die
Menschen seines Volkes eigene Wege
ohne Gott gehen. Jesaja verzweifelt fast
daran, dass Gott die Menschen gehen
lässt, wie sie es entscheiden. Kehre
zurück Gott. Du bist doch unser Vater,
der Erlöser.

Gott greift nicht ein, kommt nicht,
wenn er kommen sollte. Warten wird
zur Qual.

Die offene Zukunft wird zur
Zumutung ... wird zur Last. Die Freiheit,
eigene Wege gehen zu können,
wird fast unerträglich.
Vor 20 Jahren fiel in Deutschland die
Mauer durch eine friedliche Revolution.
Und plötzlich wurde uns von
Gott ein ungeheures Geschenk „zugemutet“:
eine offene Zukunft, die sich
den Planungskommissionen des Politbüros
entzog. Wir entdeckten im
Osten unsere Freiheit neu.

20 Jahre später erleben wir Wirtschaftskrise
und hoffen auf ein Ende
der Probleme, doch viele verlieren
ihren Arbeitsplatz. Wir sind gezwungen
abzuwarten. Vielleicht sind wir
Mecklenburger als abwartende Menschen
für das Warten gut eingerichtet.

Warum ist Warten so wesentlich?

Warten hat mit dem Sich-einlassen
auf eine offene Zukunft zu tun, die
frei ist von dem, was ich planen und
in Termine fassen kann. Und wenn
wir auf Gott warten, darauf, dass er
in unserem Leben wirkt, werden wir
frei von dem, was andere Menschen
für uns planen. Kann man nicht sogar
sagen: Das Warten auf Gott
macht unabhängiger von den Menschen?
Unabhängigkeit ist für viele gefährlich.
Strukturen der Macht
sind auf Abhängigkeit aufgebaut.
Unabhängige Menschen laufen der
Macht zuwider.

Der Kardinal in der Erzählung "Der
Großinquisitor" von Fjodor Dostojewski
(5. Buch, 5. Kapitel in "Die
Brüder Karamasow") beschreibt zutreffend,
was geschieht, wenn Menschen
ihre Freiheit des Glaubens aufgeben
und sie opfern: Sie werden zu
Gefangenen ihrer Bedürfnisse und
Wünsche, ihrer Pläne und Vorhaben.
Indem sie die Zukunft vollkommen
damit ausfüllen. Wo diese Zukunft aber
nicht mehr offen ist, werden Menschen
leichter lenkbar. Von daher ist der
Wunsch des Inquisitors, „ER möge
nicht kommen“, nur verständlich. Als
Mann der Macht erhofft er sich die
Zukunft anderer planen und regieren zu
können. Die Erzählung endet damit,
dass der gefangene Christus aus der
Zelle geht: Der Christus entzieht sich
der Macht, die nicht auf Gott warten
will.

Und die Wartenden treffen auf Gott.

Ich wünsche Ihnen Stunden des Wartens,
die erfüllt sind von der Hoffnung,
dass Gott eintreten wird. Gott, der unsere
Zukunft offen lässt und uns die Freiheit
eigener Wege schenkt.


Gesegnete Adventszeit!

Herzliche Grüße von Ihrem Pastor
Martin Waack