Schon auf dem Weg vom Flughafen nach Newark wurde klar: Unsere amerikanische
Partnergemeinde könnte nirgendwo anders sein als hier, in OHIO. Wären da nicht
die fremdartigen Verkehrsschilder, die fehlenden Leitplanken und die geringere
Geschwindigkeit der langnasigen Trucks und PKWs auf dem Highway, so
könnte man meinen, man fahre durch Mecklenburg. Erst der Anblick der
typischen Häuser in Leichtbauweise ließ keinen Zweifel mehr zu, dies hier war
Amerika!
Und nach der Anreise folgte schon die nächste Reise, diesmal in der Zeit. Stand
doch unser erster Tag ganz im Zeichen der Ureinwohner und einem ehrgeizigen
Vorhaben unserer Gastgeber. Jene Moundbuilders (deutsch: Erdhügelbauer)
haben sich vor ewigen Zeiten in der Region um Newark mit gigantischen
Erdzeichnungen verewigt, deren kreisförmige Erdwälle noch heute große Teile
des Stadtgebiets durchziehen. Manchmal umfassen sie einen Golfclub oder ein
McDonalds-Restaurant oder sie führen einfach nur durch einen Park.
Erstaunlich ist, dass die Muster komplizierten mathematischen Regeln
unterliegen, die eine verblüffend genaue Beobachtung der Mondbahn
zulassen, weshalb man vermutet, dass sie eben diesem
Zweck dienten. Ziel einer Gruppe um den Historiker Richard Shiels,
Professor an der dortigen Universität und Mitglied von St. Pauls, ist es
nun, diese Kulturschätze als UNESCO-Weltkulturerbe anerkennen
zu lassen. Eine Mammutaufgabe. Bislang sind ein Museum und diverse Info- und
Werbematerialien entstanden, die auch uns überreicht wurden.
Unser zweiter Tag führte uns zu einem Naturwunder, das in Europa seinesgleichen
sucht. Übrigens mit Hilfe eines alten amerikanischen Schulbusses,
dessen Fahrer uns zunächst einer Sicherheitseinweisung unterzog, um dann,
während der Fahrt, mittels eines Schlauchs, reinen Sauerstoff zu inhalieren, um
länger zu leben, wie er versicherte…
Südlich von Newark haben die abfließenden Schmelzwässer der letzten Eiszeit
einen grandiosen Canyon in den Fels gegraben. Schon der Abstieg ist
atemberaubend. Ein gewaltiger steinerner Überhang schwebt über den Köpfen
der Wanderer und lässt sie winzig erscheinen. Weiter geht es über Steinbrücken,
Felsvorsprünge und Durchbrüche, vorbei an giftigem Efeu, immer
entlang des heute brav dahinfließenden Wassers. Die einzelnen Felsschichten
am Wegesrand zeichnen Jahrtausende Erdgeschichte. Ein kleiner Wasserfall
speist eine malerische Lagune in der sich der müde Wanderer abkühlen kann
und von der darüber liegenden Brücke wirft man einen letzten Blick auf Old
Man‘s Cave.
Würden Sie spontan mal vierzig Leute in Ihren Garten einladen? Bill und
Suzanne Whittman taten es. Stühle, Tische und Sonnenschirme wurden
herbeigeschafft, viele Hände halfen bei der Vorbereitung in der häuslichen
Küche und zauberten ein köstliches Mahl. Wir hatten Zeit zum Genießen, zum
Reden und, für die Jugend, zum Abkühlen im nachbarlichen Pool. Für die
anderen erfüllte die allgegenwärtige Klimaanlage den gleichen Zweck.
Überhaupt glichen unsere Mahlzeiten eher einer kulinarischen Weltreise, denn
profanen Picknicks. Da wurde Mexikanisches, Amerikanisches, Französisches
und Italienisches serviert, stets mit Tischgebet in der passenden Sprache,
versteht sich. Hier zu widerstehen war unmöglich. Sollte jemand in dieser Hinsicht
eine Hoffnung für den dritten Tag gehegt haben, so wurde diese auch bei den Amish
voll enttäuscht. Zwar sind diese Leute für ihre Enthaltsamkeit bekannt, doch
zunächst ging es in
Berlin (dieser Ort heißt wirklich so) in eine Käsefabrik, in deren Hofladen es wohl
150 Käsesorten gab, alle bereit zum Verkosten… Und im ortsansässigen Restaurant
wurden wir von der Fülle der Speisen und leckeren Salate schier überwältigt.
Auf der Amish-Farm erinnerte
dann doch alles ein wenig an Mecklenburg, sagen wir, vor 120 Jahren.
Klassenübergreifende Dorfschule, Holzherd, fehlende Elektrizität, Pferd und
Wagen, Viehställe und eine nette Dame in dunklem Kleid mit weißem
Spitzenhäubchen, die versuchte, uns ihre Lebensweise etwas näher zu bringen.
Die Vorfahren wanderten im Zuge der Täuferbewegung um 1700 aus der Pfalz
und der Schweiz aus. Man spricht heute noch Pennsylvaniadeutsch, einen
eigenartigen Pfälzer Dialekt, und veränderte darüber hinaus, zumindest auf
dem Lande, nicht viel.
Der vierte Tag bot das von der Jugend heiß ersehnte Kontrastprogramm,
schließlich ist OHIOs Hauptstadt Columbus nur eine halbe Stunde entfernt.
Doch der Weg ins Einkaufsparadies wollte erkämpft sein und führte in unserem
Fall durch einen Dschungel, eine Wüste und eine Glasbläserwerkstatt. Mit
anderen Worten: durch Columbus‘ überglasten botanischen Garten, in dem,
zwischen all den Pflanzen, immer wieder hinreißende farbige Glasskulpturen
zu bestaunen sind.
Columbus liegt am Scioto Fluss, wurde von Columbus nie betreten und bietet
Downtown die für amerikanische Großstädte typischen Reklamebänder und
Wolkenkratzer, außerdem die obligatorischen Regierungsgebäude hinter
griechischen Säulen mit seitlichem Fahnenspalier und, etwas außerhalb,
Easton. Keine Mall, nein, eine ganze Kleinstadt mit Geschäften und Malls, in
der niemand wohnt, es tagsüber aber nur so vor Menschen wimmelt. Shopping
satt, auf jeden Fall ein Souvenir.
In Amerika ist es so: Kommt man zu Geld, etwa im Ölgeschäft, gibt man der
Allgemeinheit etwas zurück. So wie Beman Dawson es mit einer
Baumsammlung (Arboretum) tat, einem Park, der heute mehr als 30.000
unterschiedliche Bäume aufweist. Heute ist das Dawes Arboretum der
Öffentlichkeit zugänglich. Wobei man Letzteres nicht allzu wörtlich nehmen
darf. Hinter einem Traktor ging es auf zwei Anhängern mit aufmontierten
Bänken am fünften Tag durch die hügelige Landschaft mit den verschiedenartigsten
Bäumen aus aller Welt. Manche bilden in ihrer Anordnung einen
Schriftzug, den man nur aus dem Flugzeug lesen kann, wie uns der Ranger auf
Deutsch erklärte.
Und dann gibt es da doch noch einen Unterschied zur mecklenburgischen
Landschaft: Viele Seen hat OHIO nicht. Einer der größten ist der Buckeye
Lake, benannt nach den typischen Kastanienbäumen, deren Blätter und Früchteetwas
kleiner als die der unsrigen sind. Hier konnten wir baden, eine kleine
Bootstour mit Pastor Rauch unternehmen und beim Picknick viele neue
Gesichter der St.-Pauls-Gemeinde kennenlernen.
Am Sonntag sollte sich nun der Zweck unserer Reise vollends erfüllen. Die
St.-Pauls-Kirche ist eine von vielen im Zentrum von Newark und mutet sehr alt
an. Sie wurde jedoch erst in den fünfziger Jahren errichtet und später um ein
Gemeindezentrum erweitert. Der festliche Gottesdienst am Sonntag war gut
besucht und begann, wie könnte es anders sein, mit Martin Luther. Der hatte
einmal geäußert, dass derjenige, welcher die Musik verachte, lieber vor einer
Herde von Schweinen predigen solle.
Und so hatten Pastor Rauch und Pastor Waack entschieden, dass zu diesem
besonderen Anlass die Predigt eine rein musikalische sein solle. Unser
Gottesdienst wurde ein Schwelgen in Musik. Mal sang der Chor von St. Pauls
unter der Leitung von Judy Rauch, mal unser Mädchenchor, geleitet von Maria
Waack und dann wieder alle zusammen. Begleitet wurden sie von den
verschiedensten Instrumenten, mal forsch, mal besinnlich, mit klaren Stimmen
und wunderschönen Melodien. Dazwischen feierten wir das Abendmahl und
jeder gab jedem die Hand, verbunden mit dem sehr persönlichen Wunsch nach
Frieden.
Pastor Waack übergab unser Geschenk an die St.-Pauls-Gemeinde, einen
Leuchter in Form eines Engels, geschaffen von Christian Scheibe. Er wurde
vor allen Augen zusammengesetzt und das Licht entzündet. Am Ende waren
alle erfüllt von der Musik und der Atmosphäre in der Kirche.
Nach dem Mittagessen im festlich dekorierten Gemeindezentrum folgte in der
Kirche die feierliche Verlängerung unserer Partnerschaft für weitere vier Jahre.
Für uns unterzeichneten Pastor Martin Waack und Heinrich Ebeling. Der
Nachmittag gehörte den Besuchern und ihren Gastfamilien.
Der Abschied am Montagmorgen war eine einzige große Umarmung und sehr
tränenreich. Wir hatten einander ins Herz geschlossen.
Und was war das Schönste auf dieser Reise? Wenn Sie mich fragen, gibt es
darauf nur eine Antwort: Es war der persönliche Kontakt zu Menschen, die für
uns ihre Türen öffneten, die uns begleiteten in diesem alten Schulbus zu all
diesen wundervollen Zielen, die uns umsorgten, uns vieles erzählten und mit
uns gemeinsam Gottesdienst feierten. Was gibt es Schöneres als zu wissen,
dass, so weit entfernt, Menschen gerade an Dich denken und Dir bald wieder
schreiben werden, und dass sie uns besuchen werden, hier in Mecklenburg. Ich
kann es gar nicht erwarten!                                                              Jana Bresean